
Warum exzellente Technik deine Seele befreit
Manchmal blicken wir auf große Künstler und bewundern ihre scheinbar mühelose Leichtigkeit. Wir sehen die schwebenden Hände über den Tasten und glauben, wahre Kunst sei reine, freie Emotion. Doch das ist ein Trugschluss. Die Freiheit, auf einem Instrument alles auszudrücken, was man fühlt, wird nicht durch bloßes Gefühl geboren. Sie wird durch eine exzellente, kompromisslose Technik verdient.
Wenn ich heute auf meine Ausbildung zurückblicke, wird mir bewusst, wie entscheidend das Fundament war, das meine frühen Lehrer gelegt haben. Schon mein allererster Klavierlehrer, der mir in meiner ersten Stunde so schroff den Tastaturdeckel schloss, vermittelte mir in der Folgezeit eine absolut makellose, präzise Technik. Und als ich später an das Konservatorium der Stadt Wien wechselte, wurde diese Ausbildung auf ein neues Niveau gehoben. Ich hatte das Privileg, vom Direktor persönlich ausgewählt zu werden und bei ihm zu lernen. Er war ein absoluter Meister seines Fachs, der mir eine exzellente, grandiose Technik vermittelte. Ohne dieses eiserne Fundament wäre meine spätere Karriere als internationale Konzertorganistin undenkbar gewesen. Denn ein Konservatorium und eine Musikuniversität können nur auf dem zuvor gelegten Fundament aufbauen. Es gilt der alte, unerbittliche Satz: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr.
Doch diese Zeit am Konservatorium, bevor ich an die Musikuniversität wechselte, war auch eine meiner schwersten Prüfungen. Mein Lehrer war ein Choleriker. In fast jeder Stunde schrie und schimpfte er, und ich ging meistens weinend nach Hause. Ich weinte jedoch nicht nur vor Schmerz oder Angst – ich weinte, weil mir das Musizieren unendlich viel bedeutete. Die Musik war mein Lebenselixier, und jede Kritik traf mein künstlerisches Herz im tiefsten Inneren. Wenn meine besorgte Mutter den Professor bat, nicht so zu schreien, antwortete er mit einer Logik, die ich erst viel später verstand: „Das zeigt nur, welch großes Potenzial ich in ihr sehe – sonst würde ich sie lassen. Wenn es mir egal wäre, würde ich nicht so leidenschaftlich korrigieren.“
Aus heutiger kognitionswissenschaftlicher Sicht war diese Phase ein faszinierendes neuronales Wechselspiel. Wenn wir unter starker emotionaler Beteiligung lernen, schüttet unser Gehirn eine Flut von Neurotransmittern aus. Diese emotionalen Spitzen wirken wie ein biochemischer Sekundenkleber, der die gelernten Bewegungsmuster unauflöslich im prozeduralen Gedächtnis verankert. Die exzellente Technik wurde tief in mein Nervensystem eingebrannt.
Dennoch lehrt mich diese Erfahrung für meine heutige Pädagogik und die PACH-Methode etwas Entscheidendes: Wir können und müssen dieses exzellente Fundament aufbauen – aber wir sollten es über den positiven, wertschätzenden Weg tun.
Die Förderung von Spitzenleistungen braucht keine Angst-Konditionierung.
Sie braucht das ehrliche Zutrauen und die leidenschaftliche, aber schützende Führung.
Die Förderung von Spitzenleistungen braucht keine Angst-Konditionierung.
Sie braucht das ehrliche Zutrauen und die leidenschaftliche, aber schützende Führung.


