Der Mythos der Konzentration- 8/2026

23.02.26 18:30:00 - Kommentar(e) - Von Andrea

Warum Dein Gehirn einen Zustand braucht, keinen Befehl


„Konzentrier dich!“ – Wie oft haben wir diesen Satz gehört? In der Schule, im Musikunterricht, im Büro. Wir verbinden Leistung automatisch mit einer mentalen Anstrengung, einem Zusammenkneifen der Augen, einem Willensakt. Doch aus der Sicht der Neurobiologie und der professionellen Bühnenpraxis ist dieser Befehl oft kontraproduktiv. Wahre Meisterschaft entsteht nicht durch das Tun des Fokussierens, sondern durch das Sein in einem Zustand: der Präsenz.

Wenn wir versuchen, uns krampfhaft zu konzentrieren, aktivieren wir oft einen „Tunnelblick“. Wir zwingen unseren präfrontalen Cortex zur Hochleistung, um Störfaktoren auszublenden. Das kostet enorm viel Energie. An der Orgel – dem vielleicht komplexesten Instrument der Welt – führt dieser Weg in die Sackgasse. Wer versucht, drei Manuale, Pedal, Register und den Raum akustisch durch reine Willenskraft zu kontrollieren, wird scheitern. Die Lösung liegt in einem fundamentalen Wechsel der Betriebsart unseres Gehirns.

Neurowissenschaft: Warum Profis weniger denken (Global Efficiency)

Ein Anfängergehirn leuchtet im MRT wie ein Weihnachtsbaum. Um eine komplexe Bewegung auszuführen, werden riesige kortikale Areale aktiviert. Ein Profi hingegen zeigt bei gleicher Leistung eine geringere neuronale Aktivierung. Dieses Phänomen nennt man den „Global Efficiency“-Effekt.

Fokus ist oft der Versuch des Gehirns, durch erhöhte Aktivität Kontrolle zu erzwingen. Präsenz hingegen ist der Zustand neuronaler Effizienz. Dabei verlagert sich die Steuerung:

  1. Vom „Was“ zum „Wo“: Beim starren Fokussieren (z.B. auf eine einzelne Note) nutzen wir stark den ventralen visuellen Pfad (Objekterkennung). Präsenz aktiviert stärker den dorsalen Pfad (Raumwahrnehmung), der für die Koordination im Raum essenziell ist.
  2. Von der Rinde in die Tiefe: Während Fokus oft eine bewusste Tätigkeit der Großhirnrinde ist, erlaubt der Zustand der Präsenz den Zugriff auf subkortikale Strukturen (Basalganglien, Kleinhirn), wo automatisierte Muster effizient abgerufen werden können,.

Präsenz ist körperliche Verankerung

Präsenz ist also kein abstrakter geistiger Vorgang, sondern ein physikalischer Zustand des Systems „Mensch“. In meinem Buch Spirale der Sinne definiere ich diesen Zustand sehr konkret über die körperliche Anbindung:

„Präsenz – im Sinne der PACH-Methode – bedeutet hier nicht bloß äußerlich sichtbar zu sein, sondern eine bewusste innere Verankerung von Atem, Blick, Haltung und Schwerpunkt. Sie schafft den mentalkörperlichen Anker, der Achtsamkeit und Co-Koordination erst möglich macht.“ — Andrea Pach: Spirale der Sinne, Kapitel 5.3.2 „Auftritt & Präsenz“, S. 84.

Dieser „Anker“ ist entscheidend. Wenn wir den Schwerpunkt und den Atem verankern, signalisieren wir dem Nervensystem Sicherheit. Der Sympathikus (Stressnerv) fährt herunter, der Parasympathikus erlaubt Weite. Erst in diesem Zustand der Sicherheit öffnet sich das Gehirn für die komplexe Multitasking-Leistung, die an der Orgel – oder in einer anspruchsvollen Verhandlung – gefordert ist.


Die Orgel als Lehrerin der Weite

Warum ist gerade die Orgel das ideale Trainingsgerät für diesen Zustand? Weil sie eine multidimensionale Koordination verlangt, die mit reinem Fokus nicht zubewältigen ist. Die Orgel zwingt uns, mehrere Körperebenen gleichzeitig im Raum zu steuern: Hände auf verschiedenen Manualen, Füße auf dem Pedal. Diese räumliche Verteilung korrespondiert mit der Organisation unseres Gehirns. Ein Organist kann nicht auf den linken Fuß „fokussieren“, ohne die rechte Hand zu verlieren. Er muss einen Zustand des „neuronalen Flutlichts“ etablieren, in dem alle Gliedmaßen als Teil eines großen Ganzen wahrgenommen werden.


Übung für den Alltag: Die sensorische Vorwegnahme

Im Newsletter haben wir uns mit dem Blick beschäftigt. Hier möchte ich Sie einladen, über den Tastsinn in die Präsenz zu kommen. Diese Übung nutzt die Tatsache, dass jede präzise Bewegung mit der Wahrnehmung beginnt, nicht mit dem Muskelimpuls.

Die Übung: Egal ob Sie an einem Instrument sitzen, eine Computertastatur bedienen oder jemandem die Hand geben wollen:Innehalten: Bevor Sie die Taste drücken oder die Handlung ausführen, stoppen Sie kurz.

  1. Kontakt spüren: Legen Sie den Finger (oder Fuß) auf die Taste/den Boden, ohne Druck auszuüben.
  2. Haut-Feedback: Richten Sie Ihre gesamte Aufmerksamkeit auf die Hautoberfläche (Fingerkuppe/Fußsohle). Spüren Sie die Temperatur und die Textur des Gegenstandes. Aktivieren Sie Ihre Merkel-Zellen (Druckrezeptoren).
  3. Der Zustand: Merken Sie, wie es in Ihrem Kopf ruhig wird? Durch das Fühlen sind Sie im „Hier und Jetzt“ verankert. Sie sind präsent.
  4. Aktion: Erst jetzt, aus diesem Zustand der Verbindung heraus, führen Sie die Bewegung aus.

Fazit: Sein statt Tun

Hören Sie auf, Präsenz „machen“ zu wollen.
Fokus ist eine Tätigkeit, die ermüdet.
Präsenz ist ein Zustand, der Energie freisetzt.
Erlauben Sie Ihrem Gehirn, effizient zu arbeiten, indem Sie sich körperlich verankern
und den Raum öffnen, statt ihn durch Konzentration zu verengen.

Erfolg beginnt nicht im Zusammenbeißen der Zähne.
Erfolg beginnt in den Neuronen – wenn wir sie arbeiten lassen.


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