Wenn das Orchester wartet, aber die Mesnerin Staub saugt

31.08.26 18:00:00 - Kommentar(e) - Von Andrea

Wie dein Gehirn die Kunst der Geduld lernt
Haben Sie schon einmal versucht, unter extremem Druck die absolute Ruhe zu bewahren, während um Sie herum alles im Chaos versinkt? Als Künstlerin lernt man diese Lektion nicht im stillen Kämmerlein, sondern in der rauen, unvorhersehbaren Realität der großen Kirchen.

Ich erinnere mich lebhaft an ein prägendes Ereignis während meiner Karriere, als ich ein Konzert für Orgel und Orchester auf CD aufnehmen wollte. Ein riesiger organisatorischer Kraftakt: Das Orchester steht bereit, der Dirigent hebt den Taktstock, der Tonmeister hat die hochsensiblen Aufnahmegeräte scharfgeschaltet – jede Minute kostet ein kleines Vermögen. Genau in diesem hochkonzentrierten Moment beginnt die Mesnerin in aller Seelenruhe mit dem Staubsaugen im Kirchenschiff. Auf unsere fassungslose Bitte, kurz innezuhalten, erklärt sie trocken, dass sie immer um diese Zeit saugt und es jetzt eben sein muß, wie sollen warten. In einer solchen Situation entscheiden Sekundenbruchteile über Ihren mentalen Zustand: Verfallen Sie in hilflose Panik und zerstören die Stimmung des gesamten Orchesters, oder finden Sie Ihren inneren Ruhepol?

Die Orgel ist in dieser Hinsicht die anspruchsvollste Lehrmeisterin der Welt. Sie zwingt uns, unsere gesamte zeitliche Wahrnehmung neu zu ordnen. In den riesigen Kathedralen dieser Welt, wie etwa dem Dom in München, erleben wir Orgelspielende ein extremes Phänomen: Die Töne erklingen aufgrund der enormen physikalischen Distanzen oft erst viele Millisekunden, nachdem unsere Finger die Tasten berührt haben. Es entsteht eine spürbare, irritierende Zeitverschiebung – eine multisensorische Verzögerung. Wer in diesem Moment versucht, dem verspäteten Klang hinterherzuhören, gerät augenblicklich aus dem Takt und scheitert am Instrument.

Wahre Meisterschaft an der Orgel bedeutet, diese Verzögerungen im Kopf aktiv auszufiltern. Sie dürfen sich nicht auf das verlassen, was Sie im Moment hören. Sie müssen die Bewegung im Voraus fühlen und darauf vertrauen, dass Ihr innerer Rhythmus stimmt. Diese Fähigkeit, trotz akustischer Dissonanzen und störender Geräusche – wie dem Staubsauger der Mesnerin – den Fokus zu halten, baut in Ihrem Nervensystem ein unzerstörbares Schutzschild auf. Es ist der biologische Schlüssel zu einer krisensicheren Resilienz, die sich eins zu eins auf Ihren stressigen Berufs- und Alltagsalltag übertragen lässt.

 


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